Sonntag, 12. September 2010

Oakley

Am gestrigen 9/11 war Kaiserwetter über der Ruhr. »Kaiser Franz« feierte seinen 65. Geburtstag. Herrlich. Bei 25 Grad + lässt es sich gut strampeln. Das Blei vom Tag zuvor schien aus meinen Beinen verschwunden. Es lief ganz gut. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mein Umfeld orangegefiltert betrachtete. Das Blaulicht wurde wie von Zauberhand absorbiert und ließ alles um mich herum gleich wärmer und rosiger aussehen. Ich trug meine coole Oakley-Brille, die laut meinem Radhändler meine Augen vor umherschwirrendem Fluggetier schützen soll. Das Blöde ist nur, dass mir die tropfenden Schweißperlen einen getrübten Blick durch das Plastikglas verursachen. Das hat mein Radhändler vergessen zu erwähnen. Spätestens nach einer Stunde gucke ich durch die Salzschlieren auf meiner Brille als hätte ich einen Nebelschleier vor Augen. Also Haltung bewahren, so tun als wäre nichts, um nicht den kaum zu leugnenden Schaueffekt zu absorbieren.



Und dann sah ich ihn. Den großen schwarz-rot-goldfarbenen Unbekannten, den schweigenden Mann ohne Gesichtsregung, meditativ in sich gekehrt. Gelbes Trikot, goldgelber Helm, schwarze Radhose, Schriftzug Cervélo auf rotem Rahmenuntergrund. Zweimal in der Woche spult er wie ein Uhrwerk seine Kilometer. Die Wetter Straße rauf, die Wetter Straße runter. Stundenlang. Geschätzte 150 Kilometer bei konstantem Tempo um die 40. Großes Kettenblatt, 90er Trittfrequenz. Immer in gleicher Triathlonhaltung, den Kopf leicht nach links geneigt.

Ich schätze ihn um die 40. Denn gestern konnte ich das erste Mal seit zwei Jahren einen Blick auf sein angegrautes Haupthaar werfen. Als ich an ihm vorbeifuhr, um in Richtung Herdecke abzubiegen, hatten wir kurzen Blickkontakt. Er schien irritiert als ich aus seinem Windschatten auftauchte. Mein Endruck: Die Leichtigkeit, die der große Unbekannte ansonsten vermittelt, wirkte angestrengt. Vielleicht lag das auch nur an meiner getrübten Wahrnehmung.